Münchner Zentrum für antike Welten
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Dissertationsprojekt

Löwenbild und gesellschaftliche Struktur. Fallstudien zur Semantik des Löwenbildes (Arbeitstitel)

Bilder von Löwen kommen seit der Bronzezeit im Gebiet des Mittleren und Nahen Ostens, in Kleinasien, Ägypten und wenig später in Europa vor. Besonders häufig anzutreffen sind sie zum einen an Portalen und Grabmälern, auf Wänden, Preziosen, Möbeln oder Kleidung; zum anderen scheint kaum ein Bereich zu abwegig für Löwenbilder zu sein: Gewandnadeln, Wasserspeier, Gewichte, Schminklöffel, Dolchklingen, Mundstücke für Tote. Es gibt sie so groß wie die Sphinx in Giseh, so winzig wie ein Rollsiegel aus Uruk, so aktuell wie das Logo einer indischen Initiative für Wirtschaftswachstum. Die Bedeutung des Löwenbildes in so zahlreichen Kulturen und Epochen ist der erklärungsbedürftige Befund, dem sich diese Dissertation widmet.

An diesem Befund fällt zweierlei auf: erstens sind die meisten Löwenbilder in Artefakten überliefert, deren Herstellung erheblichen Aufwand verlangt, sodass sich Auftraggeber vermuten lassen, die über bedeutende materielle wie auch politische Ressourcen verfügen und somit über ökonomisches und soziales Kapital. Zweitens fällt auf, dass Löwenbilder zur körperlichen oder räumlichen Distinktion eingesetzt werden, also nicht nur des Kapitals bedürfen, sondern selbst symbolisches Kapital sein können. Vermutlich helfen Löwenbilder dabei die physisch zunächst nicht greifbaren Entitäten Persönlichkeit, Hierarchie oder Erinnerung zu kommunizieren. Das Löwenbild wäre demnach – so die These der Arbeit – ein Mittel, beziehungsweise ein Akteur gesellschaftlicher Organisation.

Gegliedert nach drei gesellschaftlichen Bereichen: Person, Raum und Erinnerung werden zwölf Fallbeispiele ausgehend vom Objektbefund auf ihr visuelles Angebot an die symbolische Kommunikation hin untersucht. Die Artefakte sind so gewählt, dass sie einerseits die große materielle und kontextuelle Diversität, andererseits die Motivvielfalt des Löwenbildes spiegeln. Hieraus ergibt sich eine stark diachrone Perspektive vom 15. vorchristlichen bis ins 19. nachchristliche Jahrhundert. Die Arbeit rückt zeitliche, geografische wie konfessionelle Grenzen in den Hintergrund und schärft die Aufmerksamkeit für ein kulturübergreifendes Phänomen.

Nicht jedes Löwenmotiv ist gleichermaßen weit verbreitet, es kann typisch für vergleichsweise kurze Zeit- oder kleine Kulturräume sein, und je näher man an einzelne Artefakte herantritt, desto einzigartiger erscheinen sie. Doch mit Abstand betrachtet drängen die extrem langen Laufzeiten und die immer wieder ähnlichen Kontexte einiger Löwenmotive zu dem Versuch, ihre anthropologische Dimension im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Konstitution zu beschreiben.