Münchner Zentrum für antike Welten
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Dissertationsprojekt

Inszenierung und Wahrnehmung. Strategien spätantiker Sakralräume

Vom Bestreben, schlichte funktionale Räume in farbig strahlende Bildräume zu verwandeln, in denen sich göttliche Visionen in leuchtenden Mosaiken materialisierten, zeugen bis heute die erhaltenen Kirchenbauten der Spätantike. Der Wunsch der spätantiken Christen, Visionen tatsächlich erfahrbar zu machen, war bestimmend für die Gestaltung und die Wahrnehmung dieser Räume. Einen lebhaften Eindruck davon vermitteln die Mosaiken des 5. und 6. Jahrhunderts in Kapellen und Kirchen vor allem im Westen des Römischen Reichs, etwa in Rom, Ravenna, Mailand, Thessaloniki, die Basilica Euphrasiana in Poreč sowie das Katharinenkloster auf dem Sinai. Bilder, Architektur und die Aktivität ihrer Nutzer bildeten ein aufeinander bezogenes, immersives Gefüge, dessen Zusammenhänge im Rahmen der Dissertation untersucht werden sollen. Die Arbeit wird sich auf Räume konzentrieren, die in ihrer Funktion als Orte der Heiligenverehrung archäologisch und visuell greifbar sind.

Räume werden zuallererst körperlich erfahren. Bewegungen und Handlungen der Nutzer wurden in der Spätantike häufig durch architektonische Dispositionen und Einbauten bestimmt, die beispielsweise die zirkuläre Erfassung einer Anlage vorgaben oder den Zugang zu Teilräumen etwa durch hölzerne oder marmorne Schranken regulierten. Darum sollen archäologische Befunde, die Hinweise bezüglich der Ausstattung und Zugänglichkeit von Kapellen, Nischen und Nebenabsiden geben, systematisch erfasst werden. Neben Resten von in situ erhaltenen Schrankenplatten und Altären, dienen im Boden vergrabene oder in Wände eingelassene Reliquienbehälter als wichtige Indizien zur Nutzung der untersuchten Räume. Die archäologische Erfassung spätantiker Monumente wird sich auf die ergiebigen Ausgrabungen in den Regionen der antiken Provinz Palaestina konzentrieren und die in der Spätantike regen ideellen Austauschbeziehungen zwischen dem Heiligen Land und dem Westen des Römischen Reichs betonen.

Um zu bestimmen, in welcher Weise die untersuchten Räume die Wahrnehmung ihrer Nutzer beeinflussten, genügt es nicht, ihre Zugänglichkeit und die in ihnen vollzogenen Handlungen zu erfassen, sondern es müssen darüber hinaus die geistigen Konzepte berücksichtigt werden, die die Erfahrung der Rauminszenierung erst mit Bedeutung versahen. Mit den Bildräumen schuf sich die jeweilige spätantike Gemeinschaft Idealräume, die wichtige gesellschaftliche Funktionen übernahmen. Ausgehend von der Dichotomie zwischen unsichtbaren heiligen Objekten (in den Boden oder die Wand eingelassene Reliquien) und der eklatanten Sichtbarkeit der visuellen Ausstattung, wird auf die Rolle der Gottesvision in der Vorstellung der spätantiken Christen eingegangen werden. Musivisch gestaltete Bildräume hatten die Fähigkeit, Visionen zu erzeugen und das unsichtbare Heilige unmittelbar erlebbar zu machen. Die Mosaiken ließen das zur erfahrbaren Realität werden, was die verborgenen Reliquien versprachen: die Vision der göttlichen Präsenz.