Münchner Zentrum für antike Welten
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Dissertationsprojekt

Römische Villen neronisch-flavischer Zeit im römischen Kerngebiet (Arbeitstitel)

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich römische Otium-Villen neronisch-flavischer Zeit im heutigen Italien und der kroatischen Region Istrien. Zu dieser Zeit lassen sich in der Hauptstadt des römischen Reichs mit der Domus Aurea und der Domus Flavia große Neuerungen und Umstrukturierungen im Bereich der Palastarchitektur fassen. In meiner Arbeit richte ich die Aufmerksamkeit auf die Wohnarchitektur der Elite außerhalb von Rom und untersuche dort zeitgleiche Entwicklungen. Dabei interessieren mich besonders Raumkonzepte (wie Raumformen und Lage der Räume zueinander), Raumwahrnehmung (u. a. Fragen nach Durchblicken/Blickführungen sowie dem Aufbau von Hierarchien und Kontrasten), Lichtkonzepte und die Bewegung durch die Villa. Um eine Vergleichsbasis zu gewährleisten und eine Relation zum Status ante quem herausarbeiten zu können, werden alle Aspekte auch auf ihre Anwendbarkeit bei Villen und Baumaßnahmen geprüft, die zeitlich vor der Mitte des 1. Jhs. n. Chr. zu verorten sind.
Meine Materialgrundlage besteht aus 20 römischen Villen, die zwischen der spätrepublikanischen und der flavischen Periode entstanden oder umgebaut worden sind. Für die Auswahl dieser Materialbasis mussten neben gewissen formalen Aspekten zwei Kriterien erfüllt sein 1) (relativ) sichere Datierung, die in die spätrepublikanische, julisch-claudische oder flavische Zeit fällt, sowie 2) eine ordentliche Dokumentation.
Hauptziel der Arbeit ist die Überprüfung der bislang in der Forschung aufgestellten Thesen über Neuerungen dieser Zeit und eine eventuelle Justierung und Modifikation dieser Thesen. Das ist insofern von großer Wichtigkeit, als dass in bisher erschienenen Übersichtswerken zu römischen Villen die Materialgrundlage nicht kritisch hinterfragt wurde, sicherlich da dies den Umfang der Werke gesprengt hätte: Zum einen wird die Datierung und somit die Zugehörigkeit der jeweiligen Villa zu einer bestimmten Epoche meist weder überprüft noch diskutiert. Zum anderen wird die Deutung der Architektur als Villa nicht hinterfragt. So begründet beispielsweise Harald Mielsch eine seiner Hypothesen zur Entwicklung der Villen der zweiten Hälfte des 1. Jhs. n. Chr., nämlich den Beginn der »Abkehr von den Durchblicken und Ausblicken der frühen Villenarchitektur« nicht zuletzt aufgrund eines Befundes in Frascati, der lange Zeit für das Fundament einer Villa gehalten worden ist (H. Mielsch, Die römische Villa. Architektur und Lebensform [München 1987] 74). Massimiliano Valenti zweifelte jedoch jüngst die Interpretation als Villa an und deutet den Befund als Fundament eines Tempels (M. Valenti, Il complesso archeologico del Barco Borghese a Monte Porzio Catone [Roma], AAerea 4–5, 2010–2011, 143–150).
Nach der Untersuchung zeitgleicher Villendarstellungen in der Wandmalerei prüfe ich, welches Licht die literarischen Quellen auf Raum- und Wahrnehmungskonzepte der Villa neronisch-flavischer Zeit sowie der Zeit davor werfen. Für die zweite Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. sind besonders die Silvae des Statius zu nennen. Doch auch das Werk des Columella und die Epigramme des Martials enthalten für meine Fragestellungen nützliche Informationen. Bei einer Synthese der drei Materialgattungen ist allerdings Vorsicht geboten, denn einzig das archäologisch-architektonische Material überliefert das Tatsächliche. Ein Schriftsteller verfolgt dagegen mit seinem Text einen bestimmten Zweck, der falls überhaupt, dann nur selten darin besteht, ein Bild der Architektur wiederzugeben, das der Realität entspricht.