Münchner Zentrum für antike Welten
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Offener Brief des MZAW

25.01.2021

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder,
sehr geehrter Herr Staatsminister Sibler,
sehr geehrter Herr Brannekämper,


am 20. Oktober 2020 haben Sie im Kabinett ein Eckpunktepapier (EP) im Rahmen der von Ihnen
beabsichtigten Novellierung des bayerischen Hochschulrechts beschlossen. Mit diesem Brief wenden wir
uns im Namen des Münchener Zentrums für Antike Welten (MZAW) und seines breiten Netzwerks
Münchener, bayerischer und internationaler Forschungs- und Kulturinstitutionen an Sie, um mit Ihnen
über Ziele und Ausgestaltungen der Hochschulreform ins Gespräch zu treten.

MZAW: Das Münchner Zentrum für Antike Welten (MZAW) ist ein in München beheimateter Verbund
von über 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Unsere zentrale Aufgabe ist die geistes-,
sozial- und naturwissenschaftliche Forschung zu materiellem und immateriellem Erbe antiker Kulturen
weltweit wie auch ihre Vermittlung an akademische und nicht-akademische Gemeinschaften. Die
Arbeitsgemeinschaft setzt sich aus Angehörigen außeruniversitärer Institutionen wie Münchener
Museen (Archäologische Staatssammlung, Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, Staatliche
Münzsammlung, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke),
verschiedener Zweigstellen des Deutschen Archäologischen Instituts, aus Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern von sieben Fakultäten der LMU sowie WissenschaftlerInnen vergleichbarer
Einrichtungen im In- und Ausland zusammen. Das MZAW ist in formellen und informellen Kooperationen
in München, Bayern und weltweit vernetzt und trägt so zentral zur nationalen und internationalen
Sichtbarkeit des Forschungsstandortes München in den Altertums- und Kulturwissenschaften bei. In der
Vielfalt der vertretenen Fachrichtungen und in unserer weltweiten Vernetzung sind wir in Deutschland
einzigartig.

Anlass: Wir schreiben Ihnen heute, um Ihnen die Perspektive unseres Forschungsverbundes auf das
vorgelegte Eckpunktepapier darzulegen. Nach unserer Einschätzung wird die Reform des
Hochschulgesetzes, die eine Ausrichtung der Universitäten nach unternehmerischen Zielen vorsieht (EP,
S. 10), mittel- und langfristig unweigerlich zu einer erheblichen personellen und infrastrukturellen
Schwächung kleiner historisch arbeitender Fächer führen. Das wiederum wird einen drastischen
Niedergang eines wesentlichen Zweiges der Wissenslandschaft in Bayern und seiner damit befassten
vielfältigen Institutionen nach sich ziehen, für die der Freistaat zu recht international berühmt ist: die
Pflege von Kunst und Kultur auf allerhöchstem Niveau. In der Bayerischen Verfassung (Art. 3) ist Bayern
als Kulturstaat verankert und dem Schutz der kulturellen Überlieferung verpflichtet.

Forschung und Gedächtnis: Ein erstes und wesentliches Problem des von Ihnen erarbeiteten
Eckpunktepapiers sehen wir darin, dass dort nicht erkennbar wird, wie die Reform akademische
Forschung fördern will und wird. Im Papier wird nicht einmal deutlich, welche Vorstellungen von
Forschung der Reform zugrunde liegen. Zu Beginn wird wissenschaftliche Forschung lapidar unter zwei
Schlagwörtern eingeführt: als „Vorstoß ins Unbekannte“ und als „Entdeckung von noch nicht
Vorstellbarem“ (EP S. 3). Die „Fruchtbarmachung des bereits Entdeckten“ wird allein als Aufgabe der
„angewandten Wissenschaften“ definiert. Dies ist in unseren Augen keine angemessene, vielmehr eine
reduktionistische Darstellung der Forschungsaufgabe von bayerischen Universitäten und
Kulturinstitutionen.

Unsere Vergangenheit – und die Weise, wie wir sie erinnern – definiert, wer wir sind. Als historisch
arbeitende Kultur- und Geisteswissenschaften verstehen wir uns als Gedächtniswissenschaften: wir
forschen an und mit kulturellem Erbe. Diese Arbeit am Erbe ist mit einer Rhetorik von ‚discovery‘ und
‚innovation‘ nicht angemessen beschrieben. Auch hat das Erbe vergangener Kulturen und Gesellschaften
keinen Zahlenwert; vielmehr hat es einen Preis. Die gemeinschaftliche Verantwortung liegt einerseits im
schieren Erhalt des rasant schwindenden kulturellen Erbes weltweit, auch in der bayerischen Heimat,
andererseits im sinnvollen Umgang mit dem Ererbten. Wir wenden uns daher gegen Bestrebungen,
Wissen und Wissenschaft auf Produkte einer schnellen Marktlogik zu reduzieren.

Die zentrale Aufgabe von Universitäten im Verbund mit Kulturinstitutionen ist interesselose
Grundlagenforschung. Die von uns geleistete Grundlagenforschung ermöglicht allererst ein vertieftes
Verständnis der uns überantworteten Objekte, Texte, Traditionen und Spuren und bewahrt sie davor,
instrumentalisiert, politisiert, ideologisiert, vermarktet oder gar ausgelöscht zu werden. Die
systematische Manipulation von Geschichte und Archäologie für undemokratische, häufig
nationalistische Ziele ist uns selbst aus Historie und Gegenwart bestens bekannt. Was wir leisten, ist ein
wesentlicher Beitrag zu einer Ethik kultureller Erinnerung und zum Wert kritischer Selbstreflexion in
heutigen pluralen demokratischen Gesellschaften. Der gesellschaftliche Wert der Altertums- und
Geisteswissenschaften geht über messbare Größen hinaus und lässt sich nach Maßstäben von Indizes
und Finanzvolumina nicht quantifizieren. Aus den genannten Gründen ist auch der Verweis auf
bibliometrische Verfahren (“Vergleichbare Indizes”, EP S. 8) wenig hilfreich.

Transfer und Digitalisierung: Das Eckpunktepapier betont Transfer als wichtige Aufgabe der
Hochschulen, doch lesen wir mit Sorge, dass hierfür der „soziale, technologische, ökonomische,
ökologische und kreative Mehrwert für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft“ ausschlaggebend ist (EP S. 4).
Durch Verwendung der Terminologie aus der Arbeitswerttheorie von Karl Marx entsteht hier eine
„ökonomistische“ Schieflage. Stattdessen verweisen wir auf Transferleistungen im kulturellen Bereich,
die schon bisher stattfinden und die der spezifischen Förderung bedürfen, wenn wir den Anschluss an die
Entwicklungen des 21. Jahrhunderts nicht verlieren wollen. In unseren Fächern spielen Transfer und
Öffentlichkeitsarbeit seit langem eine wichtige Rolle. Unser Engagement zeigt sich im Zusammenwirken
mit Universitäten, Kulturinstitutionen und Museen. In diesem Zusammenhang sehen wir es als wichtige
Aufgabe an, durchdachte Strategien der Digitalisierung zu erarbeiten. Die digitale Wende – Big Data,
Virtual Reality und Deep Learning – verändert radikal, wie in den Altertums- und Kulturwissenschaften
kulturelles Erbe rekonstruiert, interpretiert und vermittelt wird. Die Digitalisierung schafft eine gänzlich
neue Form historischen Wissens, das in seinen Konsequenzen für unsere Vorstellungen von
Geschichte/Erinnerungskultur und „Erbe“ begründet werden muss.

Die Verwendung digitaler Formate in der Forschung ist für uns daher nicht gleichzusetzen mit der
Entwicklung einer „digitalen DNA“, wie sie im Eckpunktepapier (EP S. 5) genannt ist, also einer
„Durchdigitalisierung“ des akademischen Forschens und Lehrens in allen seinen Prozessen. Wir sind
überzeugt, dass menschliche Intelligenz sich von künstlicher Intelligenz wesentlich unterscheidet und
dass dies im Sinne der nachhaltigen Überlebensfähigkeit der Menschheit auch so bleiben sollte.
Digitalisierung ist in unseren Augen dann nützlich, wenn die Menschen selbst ihre zentralen über
Jahrtausende entwickelten Kompetenzen – die reflektierte Wahrnehmung komplexer natürlicher und
kultureller Phänomene und die offene und kritische Lektüre von Texten – nicht verlernen, sondern
gerade diese stärken, um sie in einen dynamischen Dialog mit den neuen digitalen Fähigkeiten zu setzen.
Dazu aber müssen in Seminaren, Lektüreübungen und Sehschulen weiter Texte gelesen und Objekte
studiert werden, mit den Augen und den Sinnen.

Die digitale Wende, dies sei zuletzt gesagt, führt heute schon zu einer Neuentdeckung der Welt des
Realen – der Natur, der Dinge, der Bücher –, aber auch des sozialen und kulturellen Miteinanders – der
Gemeinschaft, der Geschichte, der Religion. Auch diesen Prozess der Neuentdeckung des Realen durch
die Gesellschaft können und werden die Universitäten begleiten.

Appell: Als Vertreterinnen und Vertreter einer Vielzahl vitaler akademischer Fächer, eines
weitgefächerten Netzwerks von Münchner und bayerischen Institutionen sowie einer breiten
Öffentlichkeit, die an unserer Arbeit Anteil nimmt, möchten wir hiermit unsere zentralen Anliegen
formulieren, die wir in einem neuen bayerischen Hochschulrecht berücksichtigt sehen möchten: (1) den
Erhalt einer Volluniversität, die die Prinzipien der Partizipation und Diversität vertritt, ebenso wie
Autonomie der Fakultäten und das Mitspracherecht des Mittelbaus und der Studierenden, (2) die
Zusicherung, dass der bestehende Betrieb in Forschung und Lehre auch kulturbezogener Fächer gestärkt
wird; (3) die Aufstockung personeller Kapazitäten, falls die Aufgabe des „Transfers“ systematisch
ausgebaut werden soll; diese kann von kleinen Fächern nicht „im Nebenamt“ geleistet werden. (4) Wir
unterstützen eine Hochschulrechtsreform, die den Universitäten und Hochschulen freistellt, beim Status
Quo zu bleiben oder in einem Opt-in-Verfahren das Körperschaftsmodell zu wählen.

Vor der Verabschiedung eines in die gewachsenen Ziele und Strukturen der Universitäten gravierend
eingreifenden Hochschulgesetzes bitten wir Sie herzlich darum, mit uns, den VertreterInnen
kulturwissenschaftlicher Fächer und den VertreterInnen eminenter Kulturinstitutionen, einen Dialog zu
beginnen – einen Dialog in einem für alle Beteiligten realistischen Zeitrahmen. Auch bitten wir darum,
die zentralen Bedürfnisse unserer Fächergruppen bei der Konzeption der Hochschulrechtsreform explizit
mit zu berücksichtigen. Gemeinsam mit Ihnen möchten wir gerne eine zukunftsfähige Reform in Gang
bringen, die die einzigartigen Kompetenzen auch der Geistes-, Kultur- und Altertumswissenschaften
optimiert – und wahrt.


Prof. Dr. Ruth Bielfeldt,
Sprecherin des Münchner Zentrum für Antike Welten

 

In Verbindung mit                                                        

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Prof. Dr. Florian Knauß
Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek
Direktor

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In Verbindung mit
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Prof. Dr. Sylvia Schoske
Staatliches Museum Ägyptischer Kunst
Direktorin

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In Verbindung mit
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Prof. Dr. Kai Ehling
Staatliche Münzsammlung
Oberkonservator

muenzsammlung

 

In Verbindung mit
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Dr. Uta Werlich                                                             
Museum Fünf Kontinente
Direktorin

fuenfkontinente


In Verbindung mit
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Prof. Dr. Stefan Ritter
Staatliches Museum für Abgüsse
Klassischer Bildwerke
Direktor

museumfuerabguesse


In Verbindung mit
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Prof. Dr. Katja Sporn
Deutsches Archäologisches Institut, Athen
Erste Direktorin

dai


In Verbindung mit
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Prof. Dr. Christof Schuler
Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik
des Deutschen Archäologischen Instituts
Erster Direktor

daimuenchen


In Verbindung mit
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Prof. Dr. Christoph Riedweg
Zentrum für Altertumswissenschaften Zürich
Vorsitzender des Leitungsausschusses

zuerich

 

In Verbindung mit
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Prof. Dr. Caroline van Eck
Center for Visual Culture, University of Cambridge
Director

cambridge


Link zur Petition "FÜR DEN ERHALT UND DIE STÄRKUNG DER GEISTES- UND SOZIALWISSENSCHAFTEN IN BAYERN"

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